Sexismus und Gesundheit

Der Gesundheitssektor, als Teil unserer Gesellschaft, ist geprägt von Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung. Diese sind zum einen historisch gewachsen und strukturell verankert, und werden zum anderen – auch durch uns – täglich aktiv reproduziert. 

Sexismus, beziehungsweise geschlechterbasierte Diskriminierungen, wirken auch im Gesundheitswesen auf verschiedenen Ebenen. Sie äußern sich in einem Spektrum, das von sexistischen Vorurteilen und Fehlzuschreibungen bis hin zur körperlichen Versehrtheit von Frauen, Lesben, intersexuellen, nichtbinären, trans* und agender Personen (FLINTA*) reicht. Subtile bis offensive sexistischen Haltungen beeinflussen das Verhältnis von Ärzt*innen oder Studierenden untereinander sowie das Verhältnis von Ärzt*innen und Patient*innen. Eine Medizin, die alle Menschen unabhängig ihres Geschlechts gleich gut behandelt, ist das Ziel. Aber wo liegt denn überhaupt das Problem?

Das Problem liegt in unserer patriarchalen Sozialisation und Rollenbildern, die nicht immer, aber doch meistens Männern zugute kommen und in unserem Umgang mit Frauen- und nicht-männlichen Körpern, die häufig nicht beachtet oder nicht respektiert werden; beides mit negativen Auswirkungen für die Betroffenen.

1. Die bestehenden Rollenbilder treten im Klinikalltag zum Beispiel zutage, wenn Ärztinnen immer wieder für die „Schwester“ und Pfleger für Ärzte gehalten werden. Sie bewirken, dass weibliche Studierenden und Ärztinnen häufig weniger Kompetenzen zugesprochen werden, dass ihre berufliche Karriere zu wenig unterstützt wird, und dass weibliche Wissenschaftlerinnen immer noch im Schnitt weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Rollenbilder können aber auch diagnostische Fehlschlüsse verursachen und somit die Gesundheit von Patient*innen gefährden.

Hinzu kommt, dass binäre Kategorien und die damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen großen Leidensdruck verursachen können, wenn diese nicht erfüllt werden können oder wollen. Menschen, die von Geburt an nicht einem Geschlecht zugeordnet werden können sowie Menschen, die sich dem ihnen zugeordneten Geschlecht nicht zugehörig fühlen, werden zum einen medizinisch pathologisiert und zum anderen häufig stigmatisiert. 

2. Der mangelnde Respekt gegenüber nicht-männlichen Körpern kann sich darin äußern, dass anzügliche Kommentare über narkotisierte Frauen auf dem OP-Tisch gemacht werden können, die unwidersprochen bleiben oder sogar befürwortet werden. Es ist der gleiche Mangel an Respekt, der begünstigt, dass Frauen emotional und körperlich misshandelt, vergewaltigt, verstümmelt oder sogar umgebracht werden. Auch das Krankenhaus oder die Praxis sind keine sicheren Orte vor Gewalt. Insbesondere aus der Geburtshilfe berichten Frauen von Gewalterfahrungen, die auf körperlicher oder psychischer Ebene stattgefunden haben. 

Der Wert, der Frauen, ihren Körpern und ihrem Leben zugesprochen wird, spiegelt sich auch im Ausmaß der Restriktion und der Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen wider. Eine Person zu respektieren heißt auch, ihr Würde und Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu gewähren. Dafür muss sowohl rechtlich als auch medizinisch gesorgt werden. 

3. Der Jahrhunderte lange Androzentrismus in der Medizin und die damit einhergehende Ignoranz gegenüber allen nicht-männlichen Personen in der Lehre und Forschung resultieren nicht nur in zu vielen von Männerkörpern gezierten medizinischen Atlanten. Sie haben auch in einer großen Lücke in der Forschung hinterlassen, die sogenannte Gender Data Gap. Viel zu lange wurde vor allem an jungen Männern und männlichen Versuchstieren geforscht, sodass Männer die Norm und alle Anderen die Ausnahmen darstellten. (Lediglich in der Erforschung von Verhütungsmitteln wurden Frauen bevorzugt, da Männern die Nebenwirkungen der Hormone scheinbar nicht zuzumuten sind.) Dies hat dazu geführt, dass nur Männer die auf sie zugeschnittene medizinische Versorgung bekamen, da Medikamente, Geräte und Diagnostikverfahren ihnen sozusagen auf den Leib geschneidert wurden. Nach und nach wird die sogenannte Gender Data Gap durch Frauen inkludierende und teilweise geschlechtsspezifische Forschungen gefüllt. Doch auch in den Köpfen von Forscher*innen und medizinischem Personal muss ein Umdenken stattfinden. 

Sexismus hat viele Gesichter und es liegt an uns, genau hinzuschauen. Wir wollen kritisch sein und traditionell etablierte Verhaltens- und Denkweisen hinterfragen. Das Aufdecken der Mechanismen, durch die FLINTA* benachteiligt werden, kann uns dabei auch lehren, wie andere Personengruppen auf ähnliche Art und Weise wegen ihrer Hautfarbe, körperlichen Konstitution, Sexualität, Herkunft, Alter etc in der Gesellschaft, wie im Gesundheitssystem benachteiligt werden. 

Als Hochschulgruppe fem*med haben wir uns bisher insbesondere mit Alltagssexismus im Gesundheitssektor, mit Schwangerschaftsabbrüchen und Gender Medizin beschäftigt. Wenn Du dich in unsere Gruppe einbringen willst, mitarbeiten willst oder Ideen und Gedanken zu den Inhalten unserer Arbeit hast, schreibe uns gerne oder komm zum nächsten Plenum vorbei! 

 

 

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